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AUF WALLENSTEINS SPUREN IN BÖHMEN

Auf den Spuren des böhmischen Freiherrn Albrecht Wenzeslaus Eusebius von Waldstein (24.9.1583 - 25.2.1634), umstrittener Generalissimus des 30-jährigen Krieges, waren in der Woche seines 425. Geburtstages 48 Bürger aus dem Nürnberger Land in Böhmen unterwegs. Kreisvorsitzender Dr. Gerhard Beuschel der überparteilichen Europa-Union Nürnberger Land hatte ein Programm vor allem zu historischen Orten seines Lebens und Wirkens, architektonischen Besonderheiten und landschaftlich reizvollen Gebieten im ehemaligen Herzogtum Friedland und mit Begegnungen zusammengestellt, das in besonderer Weise zur Völkerverständigung und zum Kennen lernen unserer Nachbarregion Böhmen beitragen sollte.

Unter den Teilnehmern waren auch Schauspieler und der Vorstand des Wallenstein-Festspielvereins Altdorf, wo 1599 / 1600 der junge Freiherr als Student war und seit über 100 Jahren ein Volksschauspiel diese Zeit alle drei Jahre aufleben lässt.

Ausgehend von Cheb (Eger) mit einer Führung im Pachelbel-Haus als Ort des Attentats im Februar 1634 ging es entlang der Erzgebirgskette in das Isergebirge. Von Liberec (Reichenberg) aus als Stützpunkt für drei Tage waren Jicin, die ehemalige Residenzstadt seines Herzogtums , und das umliegende Böhmische Paradies mit seinen Felslandschaften die Tagesziele. Während der Führung im Schloss, die auch durch den Konferenzsalon der "Heiligen Allianz" von Österreich, Russland und Deutschland 1813 gegen Napoleon führte, tauchte überraschend in historischem Gewand der in Böhmen allein berechtigte Darsteller des Albrecht von Valdštejn (im deutschen Sprachraum seit Schillers Drama als Wallenstein bezeichnet) Miroslav Kn?bort mit seinem Hofmarschall in "seiner Residenz" zur Begrüßung und Begleitung der Gruppe auf. Er nutzte die Gelegenheit zum Kontakt mit den Wallenstein-Repräsentanten aus Altdorf, unter ihnen auch sein fränkischer "Doppelgänger" Richard Winter.


Modell der Residenzstadt Jicin

Die Stadtführung wurde in der gotischen Kirche St. Ignaz durch ein kurzes Orgelkonzert bereichert. Entlang der 1,7 km langen Lindenallee in vier Reihen, die Waldstein astronomisch ausgerichtet und als Verbindung zu seiner Loggia auf dem Weg zur Kartause Valdice angeblich von etwa 1500 Soldaten in zehn Minuten anlegen ließ, folgte ein Abstecher vor das Jesuitenkolleg, heute Strafanstalt, in dem bis zur Säkularisierung 1785 durch Kaiser Joseph II, dem Sohn Maria Theresias, das Mausoleum Waldsteins und seiner ersten Frau Lucretia von Landeck war, die bei ihrem Tod 1814 nach fünf Ehejahren den armen und kinderlosen Adeligen zu einem der reichsten Männer Böhmens machte.

Nach dem böhmischen Essen im Restaurant "zur Kanonenkugel" mit zahlreichen Utensilien in Schaukästen zur Erinnerung an die Kämpfe im preußisch - österreichischen Krieg von 1866 vor der Schlacht bei Königgrätz bot der Rundweg über die Prachover Felsen mit rund 180 Stufen auf beiden Seiten dieser Sandsäulenstadt die Möglichkeit zum Kalorienabbau und herrlichen Ausblick auf Felsen und Schluchten, in das Böhmische Paradies (?esky Raj) und zur Burgruine Trosky auf zwei markanten Basaltkegeln.


Prachover Feslen

In Mnichovo Hradište (Münchengrätz) begann der dritte Tag mit einem Empfang durch Bürgermeister Jaroslav Myška vor der Schlossführung und dem Gang zur St. Anna-Kapelle mit dem Marmorgrab seit 3. März 1785von "Albertus de Waldstein". Schlossbesitzer war bis zu seiner Hinrichtung als hochrangiger Führer der Protestanten am 21. Juni 1621 auf dem Altstädter Ring in Prag nach der 1620 verlorenen Schlacht am Weißen Berg der große tschechische Denker und Staatsmann Vaclav Budovec von Budov. Sein konfisziertes Schloss kaufte Albrecht von Waldstein, der es bald seinem kaisertreuen Cousin Maximilian vererbte, so dass es nach Waldsteins Tod den Vollstreckern des Mordauftrages nicht als Belohnung zufiel und deshalb bis 1945 Eigentum der Waldsteins blieb. Es beherbergt heute die Bibliothek aus dem Schloss Dux, die der 60-jährige Giacomo Casanova 13 Jahre lang bis zu seinem Tod 1798 verwaltete. Als Ironie der Geschichte liegen das Denkmal des Hingerichteten und das Grabmal des wegen Hochverrats ermordeten Generalissimus, dessen gesellschaftlicher und sozialer Aufstieg durch die perfekte Organisation des Ordnungsdienstes bei den Exekutionen begonnen hatte, nahe beieinander.


Gruppe vor Marmorgrab Wallensteins in Mnichovo Hradiste

Auf dem Weg nach Turnov zum Empfang durch Bürgermeisterin Dr. Hana Maierova im Rathaus der Stadt der Edelsteinschleifer an der Iser, die vor ihrer Wahl zum Stadtoberhaupt einen Reiseführer zu 20 Valdštejn-Orten Böhmens verfasst hatte, blieb Zeit zu einem Rundgang um die malerische Burg Kost mit unveränderter Silhouette seit dem 14. Jahrhundert.


Burg Kost

In Waldsteins Geburtsort He?manice mit 400 Einwohnern an der hier steinwurfbreiten Elbe bei Jaromer war an seinem 425. Geburtstag nur ein kurzer Aufenthalt vorgesehen. Kurvenreich ging es zunächst durch enge Täler des Riesengebirges nach Vrchlabi (Hohenelbe) zu einer Pause vor dem Schloss am Bachbett der Elbe, dann zur Mittagsrast am Marktplatz in Dvur Kralove (Königinhof) mit seinen Laubenhäusern und schließlich zur Taufkirche des Albrecht von Waldstein mit den Gräbern seiner früh verstorbenen Eltern Wilhelm von Waldstein und Margaretha von Smirschitz und Nachod neben dem Hauptaltar. Der Geburtsort hatte zur Feier des berühmten Sohnes kein Programm vorgesehen. Doch empfing Bürgermeister Josef Jelinek die Teilnehmer aus dem Nürnberger Land vor der Kirche, gemeinsam mit dem böhmischen Valdštejn-Darsteller, der dem Vorschlag von Reiseleiter Beuschel in Jicin zum gemeinsamen Treffen an "seinem" Geburtsort zwei Tage später wieder in historischem Gewand gefolgt wa. Der Bürgermeister stellte die kleine Gemeinde und ihre Geschichte vor und berichtete, dass vom Elternhaus Waldsteins nur noch ein Keller vorhanden sei und die Steine beim Bau der Festung Josefov oberhalb Jaromer durch den Habsburger Kaiser Josef II verwendet wurden.


Gruppe in Kirche von Hermanice (Wallensteins Geburtsort)

Die Geburtstagswünsche zu "seinem Jubiläumstag" nahm der böhmische Valdštejn in der Kirche entgegen. Er konnte mit seinem Pass belegen, dass es auch sein persönlicher Geburtstag ist. Beim anschließenden Aufenthalt im benachbarten Kindergarten machte er dem Bürgermeister den Vorschlag, ihn doch Valdštejn-Kindergarten zu nennen. Aus der Gruppe kam die Anregung, vor dem Ort Hinweisschilder auf den berühmten Sohn aufzustellen, nachdem der umstrittene Feldherr in Tschechien derzeit völlig neu bewertet wird, nicht nur als berühmter Heerführer, sondern vor allem als erfolgreicher Kaufmann, Mäzen, Organisator, Baumeister, Förderer von Architektur, Astrologie und Astronomie.

Tschechien hatte das Jahr 2007 zum Valdštejn-Jahr erklärt und eine Ausstellung im Prager Palais präsentiert, die großes öffentliches Interesse fand und bis März 2008 mehrmals verlängert werden musste. Seit dem Ende der kommunistischen Zeit finden jährlich im Mai dreitägige Valdštejn-Tage im Wechsel zwischen Jicin und Friedland statt, die zunehmend beachtet werden. Nach dem improvisierten Programm im Geburtsort Hemanice zum Aufwachen aus seinem Dornröschenschlaf sollte ein Abstecher zum Schlachtfeld von Königgrätz beim Dörfchen Chlum folgen, wo eine halbe Million preußischer und österreichischer Truppen am 3. Juli 1866 aufeinander trafen und fast jeder zehnte vor allem im Nahkampf sein Leben ließ. Monumente, Ossarien und Tafeln von Lehrpfaden hatten schon auf die kriegerischen Auseinandersetzungen im heutigen "Böhmischen Paradies" in den Wochen vor dieser Schlacht hingewiesen und vielen erstmals bewusst gemacht, mit welch hohem Blutzoll in Böhmen die spätere Gründung des Deutschen Reiches vorbereitet worden war.

Wegen fehlender Fernsicht von der Anhöhe mit einem schlichten Denkmal ging es weiter durch den "Goldenen Bogen" der Elbe nach Kutna Hora (Kuttenberg). Vor der Nacht im zentralen Hotel der einst reichen Stadt des Silberbergbaus ließ sich kaum einer der Teilnehmer die etwas makabre Sehenswürdigkeit in der Gebeinkapelle von Sedlec entgehen, in der die Knochen von 40000 Menschen gelagert, aufgehängt, angenagelt, aufgefädelt oder gestapelt sind und es selbst nekrophilen Naturen den Atem verschlagen kann. Das Fürstengeschlecht der Schwarzenberg hatte vor rund 140 Jahren diese Liegenschaft von der Kirche gekauft und daraufhin den Holzschnitzer Frantisek Rindt beauftragt, das Innere der Kapelle neu zu gestalten. Nach Desinfektion von sechs großen Pyramiden aus Menschenknochen der Pestepidemien und Hussitenkriege im 13./14. Jahrhundert und von Weitgereisten, die ihre letzte Ruhe in diesem Gottesacker mit geweihter Erde vom Kalvarienberg Jerusalems seit 1278 suchten, entstanden Kruzifixe, ein Altar, Wandbögen, ein 3m hoher Kronleuchter und selbst das Wappen der Schwarzenbergs. Die denkmalgeschützte Innenstadt zeugt noch vom Reichtum seit der Entdeckung von Silberlagerstätten um 1260 bis zur Erschöpfung der Silbergruben im 16. Jahrhundert. Durch das Münzrecht der Stadt seit etwa 1300 wurde bis 1547 der "Prager Groschen" geprägt. Der Reichtum spiegelt sich in den sakralen Bauten wieder und die abendliche Beleuchtung macht einen Spaziergang durch die Innenstadt zu einem Erlebnis.


Gebeinkapelle Sedlec: Schwarzenberg-Wappen aus Knochen

Der gotische Barbaradom ist einer der außergewöhnlichsten Kirchenbauten Mitteleuropas mit einer Bauzeit über mehrere Jahrhunderte, außen mit reichem Strebenwerk und innen ein fünfschiffiges Langhaus mit Pfeilern bis in das einzigartige Bogenrippengewölbe. Beeindruckend sind die alten Wandmalereien mit Motiven aus dem Bergbau und der Münzprägung und die Glasmalereien aus der Zeit der Domerneuerung im ausgehenden 19. Jahrhundert. In der nur von außen zugänglichen Fronleichnamskapelle testete ein Teilnehmer mit seiner sonoren Stimme nach Art eines gregorianischen Gesangs die gute Raumakustik.

Nach 90 km wird Prag erreicht, wo der gemietete Restaurantkreuzer "Lužnice" an der Pariser Brücke zur Fahrt auf der Moldau mit großem Mittagsbuffet bei Ziehharmonikaklängen wartete. Bis zum Empfang mit Führung im Waldstein-Palais, dem Senat der Tschechischen Republik, blieb Zeit für einen Spaziergang durch das Judenviertel mit seiner alten Synagoge zum Altstädter Ring, wo vor dem Rathaus die Stelle und das Datum der Hinrichtungen durch Pflastersteine markiert sind und eine Wandtafel die 27 Namen nennt. Über die Karlsbrücke geht es zur Kleinseite links der Moldau und durch den Hof des neuen Kafka-Museums zum Denkmal des Skandalkünstlers David Cerny, der durch zwei auf Tschechien pinkelnde Männer die Nationalisten vor der damals ungewissen Abstimmung zum EU-Beitritt als Beschmutzer des Staates provozieren wollte, dann durch den streng geometrisch gegliederten Waldstein-Garten zur rechtzeitigen Sicherheitsprüfung im Senatsgebäude. Der Aufenthalt in diesem prunkvollen Palast war ein Höhepunkt der Reise.


Beschmutzer Tschechiens (Prag, Hof des neuen Kafka-Museums)

Von 1623 bis 1630 ließ der ehrgeizige Emporkömmling Waldstein sein monumentales Palais unterhalb der Burg errichten, wie nach Größe und Pracht unter den vielen Residenzen auf der Kleinseite kein zweites zu finden ist. Bis 1945 war es im Besitz der Waldstein. Seit 1996 tagt hier der Senat, anfangs im Hauptsaal mit dem Deckenfresko des Kriegsgottes Mars im Kampfwagen, dem der hochmütige Wallenstein vier statt drei Pferde vorspannen ließ, obwohl der Vierspann in der Mythologie nur dem Sonnengott Helios vorbehalten war. Heute tagt der Senat im prunkvollen, 6o m langen ehemaligen Marstall. Vorzimmer, kreisförmiges Audienzzimmer und das Ritterzimmer begeistern durch kaiserliche Portraits, Kalbsledertapeten mit Blumen- und Tiermotiven, niederländische Bildwebereien, Kachelöfen und Kaminen und das Spiegelzimmer durch zwei große Murano-Spiegel und den venezianischen Kronleuchter. Der gewölbte Mythologische Gang mit den Fresken griechischer Mythen ( und Ovids Metamorphosen war die Verbindung zwischen Audienz-, Arbeitszimmer und Pferdestall. Dominant sind auch die Wappenfarben blau und gold der Adelsfamilie.


Fresko der "Europa" im Mytholog. Gang des Valdstejn-Palais, Prag

Die letzte Nacht im Hotel am Platz der Republik in Pilsen begann mit einem ohrenbetäubenden Jugendkonzert politischer Gruppen, so dass die inzwischen gut miteinander bekannten Teilnehmer in die Seitenstraßen ausschwärmten oder die nachts beleuchteten Sehenswürdigkeiten bewunderten. Beim morgendlichen Stadtrundgang ab der Pestsäule vor dem Kaiserhaus konnte der sprachgewandte junge Führer zeigen, dass Pilsen einiges zu bieten hat, auch ein Wallensteinhaus, das Hauptqurtier1633/34, während in Wien die Entscheidung über Wallenstein als Hochverräter fiel. Unklar ist, wann Pilsens Stadtgründung war, doch wurden um 1300 das Dominikanerkloster, die Brauerei und ein Kirchenbau erwähnt, wenn auch der Bau der spätgotischen Bartholomäuskirche 200 Jahre dauerte. Der Anführer der Hussiten kam aus Pilsen, aber die Stadt widersetzte sich erfolgreich fünf Belagerungen in den Hussitenkriegen. Pilsen wurde im Mittelalter die Stadt der Händler und Handwerker und für seine Ergebenheit zu König Sigismund mit der Goldenen Bulle zur Freiheit von Zöllen, Maut- und anderen Gebühren belohnt. Italienische Baumeister und Steinmetzen haben das Stadtbild geprägt. Beim Wasserturm, um den schon frühzeitig Abwasserkanäle angelegt wurden, befanden sich über fast sechshundert Jahre bis 1860 Fleischläden in einer Markthalle mit den Schlachthöfen. Aus jüngerer Zeit stammt das Welttheater als bemalte Hauswand mit Persönlichkeiten und Ereignissen der Stadtgeschichte. Im Rittersaal des Rathauses empfing Bürgermeisterin Dr. Marcela Krejsová die Gäste aus dem Nürnberger Land. Die frühere Stadtbaumeisterin erklärte Stadtgeschichte und historische Räume im Rathaus, dessen Front mit Sgraffitomalereien reich verziert ist.


"Welttheater" in Pilsen (bemalte Hauswand)

Letzter Halt war in Stribro (Mies), wo im Hof des Museums, dem ehemaligen Franziskanerkloster, der Platz gezeigt wurde, unter dem Wallenstein und zwei der mit ihm ermordeten Generäle, Adam Trcka und Wilhelm Graf Kinsky, 1634 begraben worden waren. Während Wallenstein zwei Jahre später exhumiert und in sein Mausoleum nach Valdice bei Jicin übergeführt worden war, wurden die sterblichen Überreste der zwei kaiserlichen Generäle erst 1953 gefunden. Am Marktplatz gegenüber steht das Renaissance-Rathaus von 1543 mit feinen Sgraffitomotiven in weißblauen Farben, vor dem bei strahlendem Sonnenschein die tschechische Reisebegleiterin Zuzanna herzlich verabschiedet wurde. Sie hatte seit dem Auftakt in Eger mit ihren kurzweiligen Informationen über Land, Leute, Landschaften, Geschichte und die heutigen Lebensverhältnisse im Nachbarland ausnahmslos begeistert. Reich an Eindrücken und etwas gewichtiger dank der schmackhaften böhmischen Kost mit deftigen Fleisch-, Pilz- und Geflügelgerichten, dem böhmischen Goulasch, Kyselo-Suppe im Riesengebirge, Strudeln und Napfkuchen war über die nun durchgehend befahrbare Autobahn, die "Via Carolina", heimatlicher Boden schnell erreicht.


V.i.S.d.P. Dr. Gerhard Beuschel, EU-Kreisvorsitzender

 
  
  
  
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